Rechtswissenschaft | geschichte der rechtswissenschaft

Geschichte der Rechtswissenschaft

Die Rechtsgeschichte beschäftigt sich nicht nur mit der historischen Entwicklung des Rechts selbst, sondern auch mit der Reflexion über dasselbe in historischer Perspektive. In diesem Sinne ist die Rechtsgeschichte auch eine Rechtswissenschaftsgeschichte. Entsprechende Fragen sind für verschiedene Epochen unterschiedlich gut erforscht.

Gemeinhin gilt die Römische Rechtswissenschaft als älteste historisch belegte Rechtswissenschaft, die in der Klassik zu einem ersten Höhepunkt gelangt war. Für frühere Entwicklungen, etwa das Rechtssystem Mesopotamiens oder Ägyptens sowie das antike griechische Recht geht man nach derzeitigem Forschungsstand aus, dass man auch dort über Recht reflektierte, dies aber nicht die Schwelle zur Rechtswissenschaft überschritten habe. Selbst in Griechenland reflektierte man zwar ausgiebig das Problem der Gerechtigkeit, unternahm jedoch nicht den Versuch, das geltende Recht systematisch zu durchdringen.

Die Frage, was Recht ist, wurde über die Jahrhunderte immer wieder unterschiedlich beantwortet. Anfangs wurde Recht gleichgesetzt mit den herrschenden Moralvorstellungen (vgl. auch Naturrecht). Später dominierte die Vorstellung, als Recht könne nur eine Regel verstanden werden, die von einem staatlichen Souverän (i. d. R. dem „Herrscher“) erlassen wurde, die auch die Autorität zu ihrem Erlass und zur Durchsetzung hatte (Rechtspositivismus). Die historische Rechtsschule betonte demgegenüber zu Anfang des 19. Jahrhunderts wieder die gesellschaftliche und geschichtliche Verankerung des Rechts. Aus diesen und anderen Vorstellungen haben sich die heute üblichen Rechtssysteme entwickelt.

Die moderne Rechtswissenschaft nahm ihren Ausgangspunkt dann an der Universität von Bologna.[2] Am Ende des 11. Jahrhunderts begann man dort Juristen im überlieferten römischen Recht auszubilden, das man mit den Methoden der Scholastik zu durchdringen suchte. Mit unterschiedlichen Strömungen kam dieses Projekt in Deutschland erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum vorläufigen Abschluss.

Hier sind wiederum vor allem zwei Arten von Rechtssystemen zu unterscheiden, nämlich die des kodifizierten, abstrakt definierten Rechts, und die des Fallrechts (Common Law).

Das kodifizierte Recht hat sich im Wesentlichen aus dem römischen Recht entwickelt. So war es Kaiser Justinian, der als Erster das römische Recht in seiner gültigen Gesamtheit im später so genannten Corpus Iuris Civilis (CIC, erstmals im Jahre 529 veröffentlicht) zusammengestellt und damit zugleich im gesamten Römischen Reich vereinheitlicht hatte. Auch wenn im kodifizierten Recht frühere Entscheidungen berücksichtigt wurden, hatte letztlich immer das Gesetzbuch und der Gesetzestext – gegebenenfalls auch Gewohnheitsrecht – die höchste Autorität.

Die ersten Fakultäten entstanden im 11. Jahrhundert in Italien, in denen Adelssöhne in Kirchenrecht, weltlichem Recht und Medizin Bildung erhielten. Die Rechtsschule zu Bologna 1088 war eine der ersten Universitäten.[2] Von da aus gab es eine Verbreitung des Römischen Rechts (CIC) in ganz Kontinentaleuropa, jedoch nicht bis nach Skandinavien und nicht auf die britischen Inseln. Das Römische Recht wurde dann konsequent im christlich-abendländischen, kontinentaleuropäischen Rechtsraum bei Pogromen gegen Juden, den Inquisitionen und der Hexenverfolgung, besonders hinsichtlich Verfolgung Andersgläubiger, Scheiterhaufen und Folter, als legale Grundlage benutzt.

Der wichtige Bereich des Zivilrechts wurde von Napoleon überarbeitet und 1804 im Code civil neu kodifiziert. Dieser ist seitdem im französischsprachigen Raum, den ehemaligen französischen Kolonien und weiteren Ländern verbreitet.

Daneben steht die deutsche Rechtstradition. Sie entstand auf dem Boden des gemeinen Rechts, eine Mischung aus römischem, kanonischem und ortsüblichem Recht. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871, wurde das Bürgerliche Gesetzbuch kodifiziert und 1896 veröffentlicht, es trat am 1. Januar 1900 in Kraft. Heute strahlt es über Deutschland hinaus, besonders ist hier die Umweltschutz-Gesetzgebung zu nennen. Das deutsche „geltende Recht“ besteht heute neben den von der Rechtswissenschaft gewonnenen Erkenntnissen zu einem wesentlichen Teil aus den von der Rechtsprechung entwickelten Fallrechtsgrundsätzen, dem Richterrecht.[3]

Im Gegensatz dazu steht die Entwicklung der englischen Rechtstradition des Common Law. Das Recht ist hier im Grundsatz nicht kodifiziert, sondern wird von der Rechtsprechung auf Grund von Präjudizien weiterentwickelt. Dieses Rechtssystem wurde auch in den USA und anderen ehemaligen britischen Kolonien übernommen und weiterentwickelt. So gibt es in den USA eine Schule des legal realism, nach der allein das Recht ist, was die Gerichte als Recht anwenden und vollstrecken werden. Eine andere Besonderheit des US-amerikanischen Rechts ist die große Bedeutung der Schwurgerichte (vgl. Jury).

Stattdessen hat die Rechtswissenschaft beispielsweise in Deutschland eine eigenständige Funktion im Verhältnis zu Rechtsprechung. Die rechtswissenschaftliche Literatur ist ein (wirksamer und anerkannter) „Rechtsbildungsfaktor“ (zumindest im Arbeitsrecht).[4] Dies kann auch aus den Worten des Bundesverfassungsgerichtes, dass „[d]ie Gerichte […] bei unzureichenden gesetzlichen Vorgaben das materielle Recht mit den anerkannten Methoden der Rechtsfindung aus den allgemeinen Rechtsgrundlagen ableiten [müssen], die für das betreffende Rechtsverhältnis maßgeblich sind“,[5] geschlossen werden.[4]

War die Rechtswissenschaft in Mitteleuropa bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vorwiegend Privatrechtswissenschaft, hat sie sich seitdem deutlich ausdifferenziert. Aus den Erfordernissen der Verwaltung entwickelte sich zusehends eine Verwaltungswissenschaft, die sich recht früh schon zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit öffentlichem Recht ausweitete.[6]