Römisches Straf- und Strafverfahrensrecht

Das Straf- und Strafprozessrecht hatte in der Geschichte des antiken Roms von Anfang an Bedeutung. Unterschieden wurden dabei Privatdelikte („delicta privata“) und öffentliche Straftaten („crimina publica“). Zu den Privatdelikten wurde die Verletzung des einzelnen, seiner Familie und seines Vermögens, selbst Mord, gezählt. Öffentliche Straftaten waren Verbrechen gegen die Allgemeinheit, gegen Volk und Staat an sich.

Die Bedeutung der öffentlichen Straftaten war während der Zeit der römischen Republik noch sehr gering, denn sie waren auf wenige Tatbestände, etwa Hoch- und Landesverrat, beschränkt. Verfolgt wurden sie in einem staatlich organisierten Strafprozess. Alle übrigen Straftaten unterfielen den Privatdelikten, die lange durch den Verletzten selbst oder dessen Sippe verfolgt wurden und vom Racheprinzip geprägt waren. Untersuchungen gingen von der Opferseite aus, Selbsthilfe war ein kardinales Merkmal der römischen Strafverfolgung. Die Sanktionen für öffentliche und private Delikte unterschieden sich kaum, denn es drohten gleichermaßen Tod, Talion und Wiedergutmachung durch Vermögensopfer. Im Laufe der Kaiserzeit erweiterte sich der Kreis der durch den Staat mit seinen Zwangsmitteln bekämpften Unrechtshandlungen. Öffentliches Strafrecht erlangte dabei im gleichen Maße an Bedeutungsgewinn, wie private Strafverfolgung umgekehrt an Bedeutung verlor. Ausschlaggebend dafür war ein Wandel des Strafprinzips. Vergeltungsakte in Form von Rache durch den Verletzten oder dessen Sippe trafen nicht mehr den Nerv einer sich zunehmend komplexer gestaltenden Gesellschaft, deren imperiale und großwirtschaftliche Bestrebungen mit dem Prinzip der Schadenskompensation in Geld vorlieb nahmen.

Flankiert war das frührömische Strafrecht durch ein zunächst einheitlich organisiertes, ab der Zeit der XII Tafeln dann zweigeteilt durchgeführtes Prozessverfahren, die so genannten Legisaktionen. Der Gerichtsmagistrat und der Richter pflegten bei der Prozesseröffnung (in iure) und dem anschließenden Prozess (apud iudicem) ein Handeln im Ritual und nach festen Spruchformeln. In seiner Weiterentwicklung glichen die Verfahren häufig „Prozesswetten“. Der in der späten Republik eingeführte Formularprozess säkularisierte das Gerichtswesen, indem er die rituellen Züge des Klagverfahrens einschränkte und eine systematische Prozessagenda schuf. Die bürokratische Zentralisierung der kaiserlichen Verwaltungsarbeit der Spätantike brachte es mit sich, dass sich im Prozess das Kognitionsverfahren durchsetzen konnte, das zu einem einheitlichen Verfahren zurückfand und von einem beamteten Richter geführt wurde.