Hans Günther von Dincklage

Baron Hans Günther von Dincklage (* 15. Dezember 1896 in Hannover; † 1974 auf Mallorca) war ein deutscher Jurist und NS-Funktionär, der als Geheimagent und Sonderbeauftragter im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) tätig war.

Leben

Von Dincklage wurde als Sohn eines hannoverschen Freiherrn, der Großvater wurde 1871 zum Ritter geschlagen, und einer britischen Adligen in Hannover geboren. 1918 war er Mitglied der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. 1919 leitete er als Staatsanwalt „Spatz“ die Untersuchung gegen den des Mordes an Rosa Luxemburg verdächtigten Kurt Vogel. Vogel war von dem Geheimagenten Wilhelm Canaris widerrechtlich aus dem Moabiter Gefängnis geholt worden und setzte sich in die Niederlande ab. Von Dincklage vertuschte Canaris' Beteiligung und verhinderte so die Auslieferung Vogels, indem er das falsche Alibi, Canaris habe sich in Pforzheim am 17. November 1919 mit Erika Waag verlobt, wider besseren Wissens anerkannte.[1] Von 1922 bis 1923 war von Dincklage Generalstaatsanwalt am Landgericht Gotha.[2]

Am 12. Mai 1927 heiratete Dincklage in Berlin Maximiliane Henriette Ida von Schoenebeck (* 19. Juli 1899 in Düsseldorf; † 12. September 1978 in Nizza), die älteste Tochter Maximilian von Schoenebecks und seiner ersten Frau Melanie, die jüdischer Herkunft war.[3] Ihre Halbschwester aus der zweiten Ehe des Vaters war die Schriftstellerin Sybille Bedford.

Zusammen mit der Familie seiner Frau Maximiliane – deren Mutter Elisabeth Marchesani mit ihrem zweiten Ehemann Norberto Marchesani sowie der Halbschwester Sybille Bedford – hielt sich das Ehepaar Dincklage zwischen 1928 und 1939 in Sanary-sur-Mer auf. Da Maximiliane Halbjüdin war, präsentierte sich das Ehepaar als NS-Opfer[4] und mischte sich dort unter die vor den Nazis Zuflucht suchende deutsche Exilantengemeinde. „In Papieren der französischen Spionageabewehr wird behauptet, dass Maximiliane Liebschaften mit Marineoffizieren einging und auf diesem Weg Informationen nicht nur über Toulon, sondern auch über den Hafen Bizerta im französischen Protektorat Tunesien erhielt. Auch ihr Mann führte einige nützliche Liebschaften; vor allem sorgte er für die Weiterleitung der gesammelten Erkenntnisse.“[5]

Im Frühjahr 1933 wurde Hans Günther von Dincklage als „Vertrauensmann des Kanzlers Hitler“[6] in die Deutsche Botschaft in Paris berufen, um dort die Presse- und Propagandaabteilung zu leiten. Durch gezielte Finanzierung protegierte er die nationalsozialistisch gesinnte und antisemitische französische Presse, wie z. B. die Tageszeitung Le Jour, die 1933 von Leon Bailby gegründet wurde.[7][8]

In den nicht von den Nazis vernichteten Akten des deutschen Auswärtigen Amtes sind Dincklages Methoden dokumentiert. Neben der Propagandaarbeit organisierte er die finanzielle und logistische Unterstützung sowohl speziell für NSDAP-Mitglieder als auch für die NSDAP unterstützende Organisationen und Vereine, um diese in Frankreich zu etablieren. Dincklage initiierte auch die Einstellung deutscher Ingenieure in französische Fabriken und schließlich manipulierte er Studierende und Professoren der Sorbonne, um sie für deutsche Kultur und Germanistik zu interessieren.[9]

„Noch bevor 1935 die Nürnberger Gesetze in Kraft traten ließ sich der Karrierebewußte in Deutschland von seiner 'jüdisch versippten' Frau Maximiliane[10] offiziell scheiden. In Sanary allerdings lebte er weiterhin mit ihr zusammen und beide setzten ihre Tätigkeit fort.“[11][12]

Auf Goebbels' Befehl hin sollte Dincklage die Propaganda des NS-Reiches auf französischem Boden etablieren und einen Sicherheitsdienst zur Kontrolle der französischen Opposition aufbauen. Dincklage codierte seine Korrespondenz mit dem Ministerium sowie dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Ihm standen direkte Telefonleitungen, Telegraphen und „Verschlüsselungsmaschinen“, die berühmte Enigma, zur Verfügung.[13] Sein Spionageauftrag war sowohl der französischen Abwehr als auch den Exilanten bekannt, aber man hielt es zunächst für besser, ihn nicht zu enttarnen, denn man wisse nicht, wer ihm nachfolgen würde.[14] Von Dincklages Vorgesetzte im Reichssicherheitshauptamt waren Walter Schellenberg und Alexander Waag.[15]

Nachdem Dincklages diplomatische Deckung in Frankreich endgültig aufgeflogen war, suchte er sich zunächst eine Mission in Nordafrika, für die er Baronin Hélène Dessoffy rekrutierte. Auch später erschien Dincklage bei jeder neuen Aktion mit einer neuen Geliebten aus der High Society, die höchstwahrscheinlich auch Geldgeber war.[16]

Von 1940 bis 1950 war von Dincklage mit Coco Chanel liiert. Bis 1944 wohnte er mit ihr, die nach dem Krieg als Kollaborateurin verhaftet wurde, im Hôtel Ritz, Paris.[17], das sie 1943, mit dem Ziel es zu arisieren, als Eigentum von Pierre Wertheimer für herrenlos erklären ließ. Doch vergeblich, denn Wertheimer hatte seine Anteile am gemeinsamen Unternehmen an den Kollaborateur Félix Amiot verkauft.[18] Im Sommer 1943 machte von Dincklage Chanel mit Theodor Momm bekannt, einem Regimentskameraden aus dem Ersten Weltkrieg, der als Besatzungsoffizier die französische Textilproduktion für das Deutsche Reich überwachte.[19] Mit Billigung Walter Schellenbergs suchte Momm für den deutschen Plan eines Separatfriedens mit England die Kontakte Chanels zu Winston Churchill und Hugh Grosvenor, 2. Duke of Westminster zu nutzen, was jedoch als Geheimmission unter dem Codenamen „Operation Modellhut“ scheiterte.[20][21]

1944 floh von Dincklage nach Lausanne, wohin ihm nach ihrer überraschenden Freilassung 1945 Chanel folgte, die erst 1954 nach Frankreich zurückkehrte. Wie der ehemalige amerikanische Geheimdienstoffizier Hal W. Vaughan in seiner Biographie[22] berichtet, unterstützte sie von Dincklage und auch den bei den Nürnberger Prozessen verurteilten SS-Mann Walter Schellenberg[23] weiterhin finanziell, nachdem dieser 1951 aus der Haft entlassen worden war, und brachte beide damit zum Schweigen.[24] 1952 übernahm sie auch die Kosten für die Bestattung Schellenbergs in Turin.[25][26]

Von Dincklage starb 1974 auf Mallorca „zu Francos Zeiten - in seinem goldenen Ruhestand“.[27]