Deutsches Kaiserreich

Deutsches Reich
Deutsches Kaiserreich
1871–1918
Nationalflagge des Deutschen Reiches: Schwarz-Weiß-RotNationalflagge des Deutschen Reiches: Schwarz-Weiß-RotWappen Deutsches Reich - Reichsadler 1889.svg
FlaggeWappen
Flag of the German Empire.svgNavigationFlag of Germany (3-2 aspect ratio).svg
VerfassungVerfassung des Deutschen Reichs vom 16. April 1871
AmtsspracheDeutsch
HauptstadtBerlin
Staatsformföderale Erbmonarchie
Regierungssystem
– 1871 bis 1918
– 1918

konstitutionelle Monarchie
parlamentarische Monarchie
Staatsoberhaupt
– 1871 bis 1888
– 1888
– 1888 bis 1918
Deutscher Kaiser, König von Preußen
Wilhelm I.
Friedrich III.
Wilhelm II.
Regierungschef
– 1871 bis 1890
– 1890 bis 1894
– 1894 bis 1900
– 1900 bis 1909
– 1909 bis 1917
– 1917
– 1917 bis 1918
– 1918
Reichskanzler
Fürst Otto von Bismarck
Graf Leo von Caprivi
Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst
Fürst Bernhard von Bülow
Theobald von Bethmann Hollweg
Georg Michaelis
Graf Georg von Hertling
Prinz Max von Baden
Fläche
– 1910

540.858 km²

– zugehöriges Deutsch-Ostafrika 995.000 km²
– zugehöriges Deutsch-Westafrika 879.510 km²
– zugehöriges Deutsch-Südwestafrika 835.100 km²
– zugehörige Schutzgebiete in der Südsee und Kiautschou 378.116 km²

Einwohnerzahl
– 1871 (1. Dez.)
– 1890 (1. Dez.)
– 1910 (1. Dez.)

41.058.792
49.428.470
64.925.993

– zugehöriges Deutsch-Ostafrika 7.750.000
– zugehöriges Deutsch-Westafrika 5.645.000
– zugehöriges Deutsch-Südwestafrika 200.000
– zugehörige Schutzgebiete in der Südsee und Kiautschou 650.000

Bevölkerungsdichte
– 1871
– 1890
– 1910

76 Einwohner pro km²
91 Einwohner pro km²
120 Einwohner pro km²
Währung1 Mark = 100 Pfennig
Gründung
– 1. Januar 1871
– 18. Januar 1871

Inkrafttreten der neuen Verfassung
Proklamation des Kaisers
NationalhymneKeine.
Kaiserhymne: Heil dir im Siegerkranz
Nationalfeiertaginoffiziell am 2. September (Sedantag)
Zeitzone
– 1871 bis 1893
– 1893 bis 1918

keine einheitliche Zeitzone
UTC+1 MEZ
Kfz-Kennzeichen
– 1871 bis 1907
– 1907 bis 1918

keine einheitliche Regelung
D
Karte
Karte des Deutschen Reichs

Deutsches Kaiserreich ist die retrospektive Bezeichnung für die Phase des Deutschen Reichs von 1871 bis 1918 zur eindeutigen Abgrenzung gegenüber der Zeit nach 1918. Im Deutschen Kaiserreich war der deutsche Nationalstaat eine bundesstaatlich (oder auch gliedstaatlich) organisierte, am monarchischen Prinzip ausgerichtete konstitutionelle Monarchie.[1]

Die deutsche Reichsgründung erfolgte mit Beginn der Wirksamkeit der neuen Verfassung zum 1. Januar 1871.[2] Sie wurde durch ein wenig spektakuläres, geheim vorbereitetes militärisch-höfisches Zeremoniell inszeniert, die Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles.[3] Währenddessen befand sich das Kaiserreich noch im Deutsch-Französischen Krieg. Auf kleindeutscher Grundlage und unter der Herrschaft der preußischen Hohenzollern war damit erstmals ein deutscher Nationalstaat entstanden. Hauptresidenz des deutschen Kaisers und preußischen Königs war das Berliner Schloss.

Während der Zeit des Kaiserreichs war Deutschland wirtschafts- und sozialgeschichtlich geprägt durch die Hochindustrialisierung. Ökonomisch und sozial-strukturell begann es sich besonders ab den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vom Agrar- zum Industrieland zu wandeln. Auch der Dienstleistungssektor gewann mit dem Ausbau des Handels und des Bankwesens wachsende Bedeutung. Das auch durch die französischen Kriegsreparationen nach 1871 verursachte Wirtschaftswachstum wurde durch den sogenannten Gründerkrach von 1873 und die ihm folgende langjährige Konjunkturkrise zeitweilig gebremst. Trotz erheblicher politischer Folgen änderte dies nichts an der strukturellen Entwicklung hin zum Industriestaat.

Kennzeichnend für den gesellschaftlichen Wandel waren ein rapides Bevölkerungswachstum, Binnenwanderung und Urbanisierung. Die Gesellschaftsstruktur wurde durch die Zunahme der städtischen Arbeiterbevölkerung und – vor allem in den Jahren ab etwa 1890 – auch des neuen Mittelstandes aus Technikern, Angestellten sowie kleinen und mittleren Beamten wesentlich verändert. Dagegen ging die wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks und der Landwirtschaft – bezogen auf deren Beiträge zum Volkseinkommen – eher zurück. Allerdings behielt der Adel sein hohes Sozialprestige und konnte weiterhin seine dominante Rolle beim Militär, in der Diplomatie und der höheren Zivilverwaltung behaupten.[4]

Die innen- und außenpolitische Entwicklung wurde bis 1890 vom ersten und am längsten amtierenden Kanzler des Reiches bestimmt, Otto von Bismarck. Dessen Regierungszeit lässt sich in eine relativ liberale Phase, geprägt von innenpolitischen Reformen und vom Kulturkampf, und eine eher konservativ geprägte Zeit nach 1878/79 einteilen. Als Zäsur gelten der Übergang zum Staatsinterventionismus (Schutzzoll, Sozialversicherung) sowie das Sozialistengesetz.

Bismarck versuchte außenpolitisch, das Reich durch ein komplexes Bündnissystem abzusichern (z. B. Zweibund mit Österreich-Ungarn 1879). In seine Amtszeit fiel auch der – wenn auch erst später intensivierte – Einstieg in den überseeischen Imperialismus. Es folgten internationale Interessenkonflikte mit anderen Kolonialmächten, insbesondere der Weltmacht Großbritannien.

Die Phase nach der Ära Bismarck wird oft als Wilhelminisches Zeitalter bezeichnet, weil Kaiser Wilhelm II. (ab 1888) nach der Entlassung Bismarcks persönlich in erheblichem Umfang Einfluss auf die Tagespolitik ausübte. Allerdings spielten daneben auch andere, teilweise konkurrierende Akteure eine wichtige Rolle. Sie beeinflussten die Entscheidungen des Kaisers und ließen sie oft widersprüchlich und unberechenbar erscheinen.

Durch den Aufstieg von Massenverbänden und -parteien sowie die wachsende Bedeutung der Presse gewann zudem die öffentliche Meinung an Gewicht. Nicht zuletzt darum versuchte die Regierung mit einer imperialistischen Weltpolitik, einer antisozialdemokratischen Sammlungspolitik und einer populären Flottenrüstung (siehe Flottengesetze) ihren Rückhalt in der Bevölkerung zu erhöhen. Außenpolitisch führte Wilhelms Weltmachtstreben jedoch in die Isolation; durch diese Politik hat das Reich dazu beigetragen, die Gefahren eines großen Krieges zu erhöhen. Als dieser Erste Weltkrieg[5] schließlich 1914 ausgelöst wurde, war das Reich in einen Mehrfrontenkrieg verwickelt. Auch in der Innenpolitik gewann das Militär an Einfluss. Mit der zunehmenden Anzahl von Kriegstoten an den Fronten und der sozialen Not in der Heimat (gefördert durch alliierte Seeblockaden) begann die Monarchie an Rückhalt zu verlieren.

Erst gegen Kriegsende kam es zu den Oktoberreformen 1918, die unter anderem bestimmten, dass der Reichskanzler das Vertrauen des Reichstages haben musste. Schon bald darauf wurde in der Novemberrevolution die Republik ausgerufen, und die verfassunggebende Nationalversammlung in Weimar konstituierte das Reich 1919 als parlamentarische Demokratie. Das heutige Deutschland ist völkerrechtlich mit dem Deutschen Reich des Jahres 1871 identisch, auch wenn sich Regierungsform und Staatsgebiet seither mehrmals geändert haben.

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